Energiebeschaffung in Krisenzeiten: Warum ein kühler Kopf jetzt wichtiger ist denn je
Das Wichtigste in Kürze
- Geopolitische Krisen sorgen auf den Energiemärkten kurzfristig für Preisschwankungen, langfristig sind sachliche Marktanalyse und Strategie wichtiger als emotionale Entscheidungen.
- Gaspreise, LNG-Nachfrage, Speicherstände und CO₂-Bepreisung beeinflussen Strom- und Gaspreise – viele aktuelle Effekte sind jedoch kurzfristig.
- Terminmärkte zeigen sinkende Energiepreise durch Ausbau erneuerbarer Energien, mehr LNG-Angebot und perspektivisch stabilere Nachfrage.
Der Beitrag wurde am 17.04.2026 erstellt und basiert auf dem Sachstand zu diesem Zeitpunkt. Inhalte können aufgrund nachträglicher Entwicklungen, die zu Redaktionsschluss nicht absehbar waren, überholt oder unzutreffend sein.
Langfristige Energielieferverträge mit Laufzeiten von vier oder fünf Jahren mögen auf den ersten Blick Sicherheit versprechen. Ob sie tatsächlich Vorteile gegenüber kürzeren Laufzeiten bieten, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten. Entscheidend ist gerade in Krisenzeiten vielmehr eine sachliche Einordnung der Marktlage.
Emotionen raus, Fakten rein
„Sentiment“ – also die Marktstimmung – spielt eine zentrale Rolle im Energiehandel. Dennoch gilt: Wer sich zu sehr von Emotionen leiten lässt, trifft selten optimale Entscheidungen. Professionelle Händler versuchen daher bewusst, emotionale Einflüsse auszublenden und stattdessen auf Daten, Zusammenhänge und langfristige Entwicklungen zu schauen.
Die wichtigsten Begriffe im Energiemarkt
Um die Dynamik besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf zentrale Fachbegriffe:
- Spotpreise bezeichnen Preise für kurzfristige Lieferungen bis zum Ende des laufenden Monats – mit entsprechend hohem Risiko, da keine Absicherung möglich ist.
- Terminpreise hingegen gelten für zukünftige Lieferungen und bilden die Grundlage für Festpreisverträge.
- Im Strommarkt wird zudem zwischen Base (Grundlast, rund um die Uhr) und Peak (Spitzenlast, werktags tagsüber) unterschieden – auch wenn diese Unterscheidung heute weniger stark gewichtet wird als früher.
Weitere wichtige Einflussgrößen sind:
- EUA-Zertifikate (CO₂-Emissionsrechte)
- LNG (verflüssigtes Erdgas, global handelbar)
Was treibt die Preise?
Die Preisbildung bei Strom und Gas ist komplex und von zahlreichen Faktoren abhängig:
| Strom | Gas |
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Aktuelle Lage: Mehr Aufregung als Substanz?
Trotz steigender Preise liegen die Strom- und Gaspreise aktuell nur wenig über dem Niveau des Vorjahres. Besonders auffällig: Kurzfristige Kontrakte reagieren deutlich stärker als langfristige.
Ein zentraler Unsicherheitsfaktor ist der Konflikt um den Iran. Die Straße von Hormus – durch die rund ein Fünftel der globalen Energieflüsse läuft – ist ein kritischer Engpass. Auch wenn Europa direkt weniger betroffen ist, beeinflusst die Situation die globalen Preise erheblich, da die Transportkosten (v.a. Versicherungen) für LNG-Transporte deutlich steigen.
Denn: LNG wird dorthin geliefert, wo die Preise am höchsten sind. Aktuell zieht Asien große Mengen an, was die Preise in Europa steigen lässt. Da Gaskraftwerke häufig den Strompreis bestimmen, wirkt sich dies direkt auf den Strommarkt aus.
Trotzdem gilt: Viele dieser Effekte sind kurzfristig. Märkte preisen Risiken oft schnell ein – und ebenso schnell wieder aus.
Die unterschätzte Rolle der Gasspeicher
Langfristig relevanter ist die Situation der Gasspeicher. Diese sind aktuell vergleichsweise leer – unter anderem, weil sich das Einspeichern wirtschaftlich zuletzt weniger gelohnt hat. Ein entscheidender Faktor ist dabei der sogenannte Spread zwischen Sommer- und Winterpreisen. Normalerweise ist Gas im Winter teurer, was das Einspeichern im Sommer attraktiv macht. Aktuell ist dieser Zusammenhang jedoch teilweise umgekehrt.
Dennoch: Europa ist ein vernetzter Markt. LNG-Importe, flexible Lieferketten und Speicher im Ausland sorgen dafür, dass Engpässe oft schneller ausgeglichen werden, als es auf den ersten Blick scheint.
CO₂ als dauerhafter Preistreiber
Ein Faktor wird langfristig bleiben: die CO₂-Bepreisung.
Während sie im Strommarkt bereits fest etabliert ist, gewinnt sie im Gasbereich zunehmend an Bedeutung. Spätestens ab 2028, wenn der Emissionshandel weiter liberalisiert wird, dürfte der Einfluss deutlich steigen.
Das bedeutet: Energiekosten werden künftig nicht nur durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern auch durch die Kosten der Emissionsvermeidung.
Warum Energiepreise langfristig sinken könnten
Ein Blick auf die Terminmärkte zeigt ein klares Bild: Die Preise für Strom und Gas sinken in den kommenden Jahren deutlich. Dahinter steckt die sogenannte Backwardation. Es bezeichnet das Phänomen, dass kurzfristiger Handel meist höher bepreist wird als weiter in der Zukunft liegende Geschäfte.
Die Gründe:
- Massive Ausbaupläne für LNG weltweit
- Starker Zubau erneuerbarer Energien
- Erwartet stabile oder sogar sinkende Nachfrage
Bis 2030 rechnet der Markt teilweise mit einer Halbierung der Gaspreise. Auch beim Strom dürfte der zunehmende Anteil erneuerbarer Energien preisdämpfend wirken.
Ruhe bewahren lohnt sich
Die aktuelle Lage wirkt dramatisch – ist aber vermutlich weniger nachhaltig, als viele befürchten. Kurzfristige Preisspitzen durch geopolitische Ereignisse sind nichts Neues und glätten sich häufig schneller als erwartet.
Wichtiger sind strukturelle Entwicklungen:
- CO₂-Bepreisung
- Ausbau erneuerbarer Energien
- Veränderungen im globalen Gasmarkt
Für die Energiebeschaffung bedeutet das: Nicht kurzfristige Panik sollte Entscheidungen treiben, sondern eine nüchterne Analyse und eine langfristige Strategie. Denn am Ende gilt: Wer in turbulenten Zeiten einen kühlen Kopf bewahrt, trifft die besseren Entscheidungen.
Robert Duranec
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